Disruption in der Kunst

Kommunikation

Kaum ein Bereich bricht in seiner Geschichte so stark mit alten Strukturen wie die Kunst. Wir sprachen mit Cathérine Hug und Björn Quellenberg vom Kunsthaus Zürich über die Natur der Kunst und was Unternehmen von künstlerischen Strategien lernen können.

news aktuell: Welche historische Bedeutung hat die Zerstörung bestehender Muster und Methoden in der Kunstgeschichte?

Cathérine Hug (Kuratorin Kunsthaus Zürich). Foto: Lena Huber

Hug: Die ohne Zweifel radikalste Zerstörung in der Kunst der westlichen Welt war die Emanzipierung der Künstler von ihren Auftraggebern, d.h. hauptsächlich von der Kirche, um im 19. Jahrhundert das Konzept des «l’art pour l’art», also der Kunst um ihrer Selbstwillen, zu etablieren.

news aktuell: Gibt es Künstler, die mit ihrer Arbeit besonders stark zu einem Umbruch beigetragen haben?

Hug: Jede Epoche hat ihre disruptiven Künstler wie etwa Albrecht Dürer für das 16. Jahrhundert oder Rembrandt für das 17. Jahrhundert. Aber ab dem 20. Jahrhundert ist es dann nicht mehr ein Künstler alleine, sondern mehrere wie Marcel Duchamp, Pablo Picasso und Ernst Ludwig Kirchner in den 1910er-Jahren oder Yoko Ono und Barbara Kruger in den 1980er-Jahren, die Seite an Seite die Konventionen des Kunstsystems zerschlagen.

news aktuell: Ist das radikale Aufbrechen von Strukturen in der Kunst die Regel oder laufen Veränderungen vor allem stetig ab?

Hug: Beides ist richtig: Das Bedürfnis nach grossen Veränderungen macht sich zunächst nur im Kleinen bemerkbar. Für die Öffentlichkeit werden die Veränderungen erst in ihrer Kulmination sichtbar, wenn sie nicht mehr zu bremsen sind. Dabei spielen Museen, Galerien und Kunstkritiken eine besonders wichtige Rolle, da sie die entsprechend nötige Öffentlichkeit herstellen.

news aktuell: Lässt sich erklären, woher die Impulse für disruptive Innovationen in der Kunst kommen?

Hug: Das Kunstsystem ist Teil eines grösseren gesellschaftlichen Zusammenhangs und bildet diesen im Kleinen wieder ab – was die Kunst hervorbringt ist also immer auch Spiegel unserer Zeit, mag sie auch noch so dekorativ und inhaltsleer sein. Kunst steht im ständigen Spannungsfeld von Repräsentieren und Kritisieren. Politisch betrachtet wird die Freiheit der Kunst in demokratisch verfassten Ländern verfassungsrechtlich geschützt und somit ist Subversion praktisch von Gesetzes wegen in ihr verankert.

news aktuell: Erkennen Sie Muster, die sich rückblickend bei solchen Transformationen immer wieder beobachten lassen?

Hug: Immer dann, wenn Freiheiten eingeschränkt werden, schreitet die Kunst – und dies nicht immer zur Freude der Politik – schnell ein. Der Faktor Wirtschaft ist ab den 1990er-Jahren aber noch deutlich wichtiger geworden und übt einen erheblichen Einfluss auf die Kunstproduktion aus. Die Künstler wehren sich heute gegen die einfache «Konsumierbarkeit» von Kunst mit vergleichbarer Motivation wie früher gegen die politisch motivierte vereinfachte «Verständlichkeit» von Kunst.

news aktuell: Lassen sich diese Erkenntnisse von der Kunst auf andere Lebensbreiche übertragen?

Hug: Im Prinzip ist das schon so, aber man sollte das Kunstsystem nicht losgelöst vom Rest der Gesellschaft betrachten, denn genau auf diese reagiert ja die Kunst.

news aktuell: Das Kunsthaus bietet Kurse für Teamentwicklung an, um Unternehmen einen Ausbruch aus alten Strukturen zu ermöglichen. Wie sieht das Programm aus?

Björn Quellenberg (Leiter Kommunikation Kunsthaus Zürich). Foto: Markus Bühler

Quellenberg: Wir setzen hier ganz auf die Kraft der Inspiration – ermutigen die Teilnehmenden, ihre Sicht auf Fakten und Prozesse zu ändern und dann zu spüren, was eine geänderte Wahrnehmung in ihnen freisetzt. Im Fokus der eintägigen Seminare für Kleingruppen stehen Themen der Sachebene wie zum Beispiel die Zielorientierung, oder Faktoren der Beziehungsebene. Dazu gehören Kommunikationsfähigkeit oder Innovationsfreude.

In der Unternehmenswelt werden künstlerische Strategien oft unterschätzt. Dabei sind Kunstschaffende offizieller und subversiver Teil unserer Gesellschaft. Wir können uns ihrer Strategien bedienen, um Bestehendes am Laufen zu halten, zu sabotieren oder Neues zu wagen. Wie das funktioniert, erleben Sie am besten mit unserem Coach, vor Originalen im Kunsthaus Zürich!

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der aktuellen Ausgabe von treibstoff. Wir freuen uns über Ihr Feedback zu unserem Magazin unter treibstoff@newsaktuell.de. Laden Sie sich gleich die aktuelle Print-Ausgabe herunter!

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